Brutgeschehen von „Saatkrähe Mathilde“ im Park des Jeverschen Schlosses

2026 im achten Jahr in Folge live vor der Kamera

Wie sieht der Tag einer Saatkrähenfamilie aus? Was geschieht in den Nestern der Saatkrähenkolonie im Schlosspark Jever? Wie wachsen die Küken heran? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, installierte die Arbeitsgruppe „Live-dabei“ im Jahr 2019 erstmals in einer Esche des Jeverschen Schlossparks in 22m Höhe eine Kamera über einem der Nester. Seitdem ermöglicht ein Livestream, der über die Homepages der Projektpartner zu verfolgen ist, das Brutgeschehen in den Wipfeln zu verfolgen.

Diesjährige Brutsaison von Saatkrähe „Mathilde“ endet überraschend - Eine Saison mit unerwarteten Wendungen

Der Blick in die Kinderstube der Saatkrähen vermittelt ökologisches Verständnis

Wie in jeder Brutsaison hielt auch dieses Jahr für die Arbeitsgruppe "Live dabei" und die Beobachter des Live-Streams einige Überraschungen bereit. Zunächst waren sie technischer Natur. Nach sieben Jahren musste kurzfristig das Kabel erneuert werden, das zur Kamera führte. Dafür musste der Livestream zweimal unterbrochen werden.

Doch auch hoch oben in den Baumwipfeln entwickelte sich die Saison anders als erwartet. Das Saatkrähenpaar, über dessen Nest die Kamera zunächst montiert worden war, gab seinen Nistplatz unerwartet auf. Die Kamera musste daraufhin über ein anderes Nest gesetzt werden. Dort begann ein neues Brutgeschehen, das viele Zuschauerinnen und Zuschauer aufmerksam verfolgten.

Das Weibchen dieses Paares, das traditionell seit der ersten gefilmten Brutsaison den Namen „Mathilde“ trägt, legte zunächst sechs Eier und begann mit der Brut. Als der Livestream nach den Reparaturarbeiten am Kabel wieder online ging, waren die Eier jedoch verschwunden. Was genau geschehen war, ließ sich nicht nachvollziehen.

Neue Hoffnung durch eine zweite Brut
Mathilde und ihr Partner ließen sich davon jedoch nicht entmutigen. Sie besserten ihr Nest aus, und Mathilde legte in einer Nachbrut fünf weitere Eier. Vier Küken schlüpften und waren anschließend dabei zu beobachten, wie sie hungrig ihre Schnäbel den Eltern entgegenstreckten. Doch auch diese zweite Brut nahm keinen glücklichen Verlauf. Eines der Küken verschwand aus unbekannter Ursache aus dem Nest. Ein weiteres fiel am Pfingstsamstag während der Fütterung heraus.

In der darauffolgenden Nacht zeigte der Livestream schließlich eine Szene, die viele Beobachterinnen und Beobachter bewegte: Ein Steinmarder erschien im Nest, tötete die beiden verbliebenen Küken und trug eines davon fort.

Eine ernüchternde Bilanz
Damit endet die diesjährige Brutsaison für Mathilde und ihren Partner ernüchternd. Aus insgesamt elf gelegten Eiern schlüpften vier Küken, von denen keines flügge wurde. In früheren Jahren verlief das Brutgeschehen deutlich erfolgreicher. So wurden bei den beobachteten Paaren in den Jahren 2021, 2022 und 2023 acht, sechs beziehungsweise fünf Eier gelegt. In jedem dieser Jahre wurden jeweils drei Jungvögel flügge. Zugleich ist bei Jungvögeln grundsätzlich von einer hohen natürlichen Sterblichkeit auszugehen.

So verstörend der Verlauf dieser Saison auf manche wirken mag, zeigt er doch einen wichtigen Teil natürlicher Abläufe. Auch im Schlosspark leben Beutegreifer wie der Steinmarder. Er sucht während seiner nächtlichen Jagd unter anderem Vogelnester auf und spielt damit eine Rolle im Gefüge der Natur sowie bei der Bestandsregulierung innerhalb der Saatkrähenkolonie.

Gerade darin liegt auch der besondere Wert des Projekts: Die Liveschalte zeigt Natur nicht als romantisches Bild, sondern in ihrer ganzen Wirklichkeit. Sie macht sichtbar, wie anspruchsvoll das Leben und Überleben von Wildtieren ist und schafft zugleich Verständnis für eine Vogelart, die während der Brutzeit im Schlosspark deutlich hörbar und sehr präsent ist.

Große Resonanz auf das Projekt
„Wir freuen uns über das große mediale Interesse und die positive Resonanz“, so die Arbeitsgruppe „Live-dabei“. Die Partner-Seiten zu dem Livestream wurden auch in diesem Jahr von über 40.000 Naturinteressierten aufgerufen.  „Der Blick in das Nest zeigt seit Jahren, dass Verständnis für die Lebensweise der Saatkrähen wächst. Im Schlosspark Jever ist ein friedliches Miteinander mit den in der Brutzeit sehr kommunikationsfreudigen gefiederten Nachbarn möglich.“

Nach den Ereignissen in der Pfingstnacht wurde der Livestream vom Saatkrähennest abgeschaltet. Das Projekt soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Die Dateien der bisherigen Livestreams wurden gespeichert und stehen für Auswertungen zur Verfügung, zum Beispiel im Rahmen von Masterarbeiten oder anderer wissenschaftlicher Arbeiten.

Hintergrund:
Saatkrähen brüten gesellig in Kolonien in Feldgehölzen und Baumgruppen. Das unterscheidet sie neben anderen Kriterien von den mit ihr verwandten Rabenkrähen. Optisch lässt sich die Art von der Rabenkrähe durch den markanten Schnabel mit der weißlichen Schnabelbasis unterscheiden, mit dem sie auf den umliegenden Feldern und Wiesen im Boden nach ihrer Hauptnahrung, Engerlingen, Tipula- (Schnaken-) Larven und Regenwürmen stochert.

Bis 1970 führten Bejagung, Rodungen von Feldgehölzen und die Intensivierung der Landwirtschaft zu einer starken Bestandsdezimierung der Saatkrähe. Daraufhin wurde sie unter Schutz gestellt und zählt in Niedersachsen seitdem nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und der EU-Vogelschutzrichtlinie zu den besonders geschützten Vogelarten. Das führte längerfristig zu einer deutlichen Bestandserhöhung.

Diese Entwicklung zeigte sich auch in Jever. Nachdem es in der Stadt über mehrere Jahrzehnte keine Saatkrähenkolonie gegeben hatte, erfolgte 1992 eine Neugründung in einem Gehölz am nordöstlichen Stadtrand. Von hier ausgehend wurden in den Folgejahren weitere Standorte besiedelt, so der Schlosspark (ab 1994) und die Wallanlagen (ab 1995). 2025 und 2026 wurde der bisherige Höchstwert von etwas über 1000 Brutpaaren erreicht. Im Schlosspark brütete davon 2026 gut ein Fünftel.

 

Zur Arbeitsgruppe „Live dabei“ gehören

  • das Schlossmuseum Jever
  • das mobile Umweltbildungsprojekt MOBILUM des NABU Niedersachsen
  • die Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz Jever (WAU)
  • der Landkreis Friesland sowie
  • das Projekt „Naturkieker“ der Oldenburgischen Landschaft

Links zu den Homepages der Projektpartner:
Schlossmuseum Jever: www.schlossmuseum.de
NABU Niedersachsen: www.NABU-niedersachsen.de/saatkraehen-webcam
Naturkieker: https://naturkieker.de/ins-nest-geschaut
WAU: www.wau-jever.de

Unterstützt wurde das Projekt durch die Firma Klöker, Wilhelmshaven, durch die Bereitstellung einer Hubbühne und von der Firma Stadtlander aus Zetel, die für die elektronische und digitale Infrastruktur sorgt.